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Retro-Wohnen

Wohnraum-Fundstücke der fünfziger bis achtziger Jahre erkennen, datieren und einordnen.

Ein altes Möbelstück im Wohnraum wirft immer zuerst eine Frage auf, die nichts mit Geschmack zu tun hat: stimmt das überhaupt, was der Verkäufer sagt? Ein Nierentisch aus den Fünfzigern und ein Nierentisch von 2004 sehen auf einem Handyfoto gleich aus. Der Unterschied liegt in den Beinbefestigungen, in der Furnierdicke, in der Art, wie die Zargen verleimt sind – und im Preis, um den Faktor fünf bis zehn.

In dieser Rubrik geht es deshalb um das Erkennen und Einordnen von Wohnraum-Fundstücken, nicht um Einrichtungspläne. Jedes Jahrzehnt hat seine Verräter. Die Fünfziger arbeiten mit dünnen, schräg gestellten Beinen, mit Messingspitzen und mit Resopal. Die Sechziger bringen Teak und geschlossene, rechteckige Korpusse. Die Siebziger sind an ihrer Farbigkeit zu erkennen – Orange, Senfgelb, Braun – und an Kunststoffen, die heute spröde werden. Wer das einmal sortiert hat, sieht auf einem Trödelmarkt in drei Sekunden, in welche Ecke ein Stück gehört.

Der zweite Teil ist der unbequeme: Zustand. Ein Furnier, das sich an der Kante hebt, ist reparabel. Ein Furnier, das flächig Blasen wirft, meist nicht wirtschaftlich. Holzwurm-Ausfluglöcher von 1 bis 2 mm Durchmesser sind häufig alt und trocken; frisches, helles Bohrmehl darunter ist es nicht. Bei alter Elektrik gilt für mich eine harte Regel: erst zum Fachbetrieb, dann in die Steckdose. Wie das bei meiner Messinglampe vom Flohmarkt in Bamberg ausgegangen ist, steht dort ausführlich.

Auch die Räume selbst stellen unterschiedliche Fragen. Im Schlafzimmer scheitert es oft an Maßen: alte Bettgestelle sind häufig 190 cm lang, moderne Matratzen 200 cm. Im Flur scheitert es an der Wand: eine gusseiserne Garderobe mit vier Haken wiegt schnell mehrere Kilo, und in Rigips hält sie nur mit dem richtigen Dübel. Bei Delfter Tellern entscheidet die Bodenmarke über den Wert und der Aufhänger über die Unversehrtheit.

Und dann ist da die Farbe. Was wir heute „Siebziger“ nennen, war damals ein ziemlich genau umrissener Kanon, der sich über meinem Wohnzimmer rekonstruieren lässt. Wer die Originaltöne kennt, erkennt auch den Nachbau – der trifft sie fast nie.

Ein Wort zum Geld, weil danach am häufigsten gefragt wird. Preise für Wohnraum-Vintage schwanken stärker als bei fast jedem anderen Sammelgebiet, weil sie an Moden hängen. Teak-Sideboards der Sechziger sind seit Jahren teuer, schwere Eichenschränke der Gründerzeit dagegen so günstig wie nie – dieselben Möbel, die vor vierzig Jahren als Erbstück galten, stehen heute für 50 € in Anzeigen und finden keinen Käufer. Das ist für jemanden, der aus Freude sammelt und nicht aus Spekulation, eine gute Nachricht. Ich rate nur davon ab, ein Stück zu kaufen, weil es „im Wert steigen wird“. Das habe ich zweimal getan; beide Male lag ich falsch.

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