Bunt gemusterter Retro-Sessel neben einem alten Holzradio im Wohnzimmer

Retro-Wohnen

Mein Wohnzimmer in den Farben der Siebziger

Veröffentlicht 20. Mai 2026

Foto: Shixart1985 · CC BY 2.0 · Wikimedia Commons

Die Siebziger hatten eine überraschend enge Farbpalette: Senfgelb, Orange, Braun, Oliv und Creme, dazu warmes Holz. Genau daran erkennt man auch Nachbauten – sie treffen die Töne fast nie, weil heutige Pigmente kühler und gesättigter sind als die von damals.

Wenn ich morgens die Vorhänge aufziehe, fällt das Licht zuerst auf die senfgelbe Wand hinter dem Sofa, dann auf das Braun des alten Wandregals und erst danach auf mich, meist noch im Bademantel und mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Mein Wohnzimmer sieht aus, als hätte es die letzten 50 Jahre kaum bemerkt, dass draußen die Zeit weitergegangen ist. Das war nicht immer so. Als ich vor über 20 Jahren in dieses Haus zog, waren die Wände strahlend weiß, wie in jeder zweiten Mietwohnung, und ich habe mich 2 Jahre lang gefragt, warum ich mich hier nie richtig wohlfühlte.

Wie alles anfing

Der Anstoß kam von einem Stapel alter Wohnzeitschriften, die ich auf einem Flohmarkt in Fulda für 2 € gekauft hatte, eigentlich wegen der Werbeanzeigen für Emaille-Töpfe. Zwischen den Seiten fand ich ein Foto von einem Wohnzimmer in Senfgelb und Braun, mit einem runden Teppich und einer Hängeleuchte aus Messing, und irgendetwas in mir sagte sofort: genau das. Ich fuhr am nächsten Tag zum Baumarkt, kaufte eine Probe Senfgelb, strich ein Stück Wand hinter dem Sofa und wusste noch am selben Abend, dass die weißen Zeiten hier vorbei waren.

Welche Töne wirklich aus der Zeit stammen

Wer alte Wohnzeitschriften durchblättert, merkt schnell: die Palette war klein. Es wiederholen sich warme, leicht gebrochene Töne, die heute fast nie so gemischt werden.

  • Senfgelb und Ocker, deutlich abgedunkelt, nie leuchtend zitronig
  • Orange mit Rotanteil, oft nachträglich vergilbt und dadurch noch wärmer
  • Braun in mehreren Stufen, von Nussbaum bis fast Schwarzbraun
  • Oliv und Moosgrün, meist auf Textilien statt an der Wand
  • Creme und Beige als Aufheller, kaum je reines Weiß

Der praktische Nutzen: Wenn ein angeblich originaler Sessel in einem klaren, kühlen Orange bezogen ist, stammt der Bezug fast sicher aus späterer Zeit. Wer eine Wandfarbe zu einem echten Stück sucht, findet in den alten RAL-Tönen mehr Treffer als in aktuellen Trendkarten – das System gibt es seit 1927, und viele Industriefarben der Nachkriegszeit lassen sich darauf zurückführen.

Der Fehler mit zu viel Orange

Was ich falsch gemacht habe, war die Reihenfolge. Ich habe erst das Sofa in Orange bezogen, dann orange Vorhänge genäht und schließlich noch einen orangen Teppich dazugelegt, alles innerhalb von 2 Wochen, aus lauter Begeisterung. Meine Nachbarin stand eines Abends in der Tür, sah sich um und sagte nur: „Klaudy, das sieht aus wie im Inneren einer Mandarine.“ Sie hatte recht. Ich habe den Teppich wieder verkauft und die Vorhänge gegen einen ruhigeren Ton in Creme getauscht. Seitdem weiß ich: Orange braucht Platz um sich herum, sonst frisst es den ganzen Raum auf, und einen selbst mit.

Kunststoffe der Siebziger: schön, aber endlich

Ein Punkt, den ich in Einrichtungsartikeln selten lese und der beim Kaufen wichtig ist: Die Kunststoffe dieser Jahre altern nicht gleichmäßig. Weich-PVC verliert Weichmacher und wird klebrig; ABS vergilbt unter UV-Licht und wird spröde; Acrylglas bekommt feine Spannungsrisse, sogenannte Crazings, die man gegen das Licht sieht.

Daran lässt sich ein Original erkennen – ein Nachbau ist einfach zu jung, um so zu altern. Es heißt aber auch: Eine spröde Kugellampe aus Acryl ist kein Schnäppchen, sondern ein Risiko. Ich prüfe bei Kunststoffstücken immer die Ränder und die Bohrungen, weil Risse dort anfangen. Und ich stelle sie nicht in die Sonne, was ich beim ersten Mal lernen musste.

Was ich behalten habe

Das Wandregal aus Teakholz ist geblieben, ebenso die Hängeleuchte aus Messing mit dem opalweißen Schirm, die ich mir nach dem Vorbild aus der alten Zeitschrift gesucht habe. Auch eine kleine Keramikschale, ursprünglich wohl ein Aschenbecher, steht heute auf dem Couchtisch und sammelt Schlüssel statt Zigaretten. Diese drei Stücke tragen fast das ganze Siebziger-Gefühl im Raum, ohne dass ich noch mehr Farbe oder Muster brauche. Wenn ein einzelnes Stück genug Geschichte erzählt, muss nicht jede Fläche im Zimmer mitreden.

Wie ich das Verhältnis heute austariere

Meine Faustregel: zwei ruhige Farben als Basis, eine kräftige als Akzent. Bei mir sind das Creme und Holzbraun als Grundton, Senfgelb bleibt auf einer Wand, und Orange darf nur noch in kleinen Dosen vorkommen, etwa in einem Kissen oder einer Vase. So wirkt der Raum warm und gemütlich, aber niemand muss beim Betreten blinzeln.

Textilien altern anders als Wände

Ein Punkt, der beim Zusammenstellen wichtig ist und selten erwähnt wird: Farbe verändert sich je nach Träger unterschiedlich. Eine gestrichene Wand bleicht gleichmäßig aus, ein Wollstoff verliert vor allem im Sonnenstreifen an Sättigung, und Kunststoffoberflächen vergilben, also verschieben sich ins Gelbe statt heller zu werden.

Das erklärt etwas, worüber ich lange gerätselt habe: warum ein originaler orangener Bezug und eine neu gemischte orange Wandfarbe nie zusammenpassen wollten. Der Stoff war in 50 Jahren ins Rötliche gewandert, die Farbe war frisch. Meine Lösung ist unspektakulär: Ich mische die Wandfarbe nach dem gealterten Stück, nicht nach dem Originalton von damals. Wer das umgekehrt macht, streicht die Wand zweimal.

Was ich heute anders kaufen würde

Wenn ich noch einmal anfangen müsste, würde ich in einer anderen Reihenfolge kaufen. Zuerst die großen, ruhigen Stücke – Regal, Sideboard, Teppich – und erst danach die farbigen Kleinigkeiten. Ich habe es umgekehrt gemacht und stand irgendwann mit fünf orangefarbenen Objekten und ohne Möbel da.

Und ich würde weniger nach Jahrzehnt suchen und mehr nach Ton. Ein Sessel von 1968 und einer von 1979 passen zusammen, wenn ihre Farben sich vertragen; zwei Stücke von 1974 beißen sich, wenn das eine ein kühles und das andere ein warmes Orange trägt. Das Jahrzehnt ist eine Etikette, die Farbe ist das, was man sieht.

Ein Raum, in dem man wohnen kann

Was mich am meisten überrascht hat: Ein Zimmer mit originalen Farben wirkt ruhiger als die Nachbauten, nicht lauter. Das liegt an der Gesättigung. Die alten Töne sind alle leicht gebrochen, also mit einem Anteil Grau oder Braun gemischt, und sie streiten deshalb nicht miteinander. Moderne „Retro-Farben“ sind fast immer reiner und dadurch aggressiver.

Wer also eine Wand streichen will, sollte ein echtes Stück mit ins Farbengeschäft nehmen: eine Keramikvase, ein Stück Bezugsstoff, eine Kachel. Anhalten, vergleichen, den nächstdunkleren Ton nehmen. Farbkarten wirken an der Wand fast immer heller, als sie in der Hand aussehen.

Häufige Fragen

Passt Senfgelb auch in kleine Wohnzimmer?
Ja, sogar besonders gut, wenn Sie die Farbe auf eine Wand begrenzen und den Rest hell halten. In meinem eigenen, eher kleinen Wohnzimmer wirkt die senfgelbe Wand hinter dem Sofa wie ein warmer Hintergrund, nicht wie eine Einengung, solange Decke und andere Wände in Creme oder Weiß bleiben.
Wie vermeide ich, dass zu viel Orange den Raum erschlägt?
Setzen Sie Orange gezielt ein, etwa bei einem Kissen, einer Vase oder einem einzelnen Sessel, statt bei Sofa, Vorhang und Teppich gleichzeitig. Eine kräftige Farbe braucht ruhige Nachbarn, sonst wird aus Gemütlichkeit schnell Unruhe, wie ich selbst schmerzhaft lernen musste.
Muss alles original aus den Siebzigern sein?
Nein. Bei mir sind Regal und Lampe echte Funde, aber der Sofabezug ist neu genäht und die Wandfarbe kommt aus dem aktuellen Baumarktsortiment. Entscheidend ist der Gesamteindruck, nicht die Echtheitsurkunde jedes einzelnen Stücks.
Woran erkenne ich, ob ein Stoff aus den Siebzigern stammt?
An der Webkante und am Griff. Originale Bezüge sind oft Wolle oder Wolle-Mischgewebe, schwer und leicht kratzig; spätere Nachwebungen sind meist Polyester, glatter und leichter. Und die Rückseite eines alten Musterstoffs zeigt den Musterverlauf, ein Druck auf Gewebe zeigt nur die weiße Rückseite.
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