Sonntagmorgens, wenn ich die gestärkte Tischdecke aus dem Schrank hole, höre ich manchmal fast das Radio meiner Großmutter im Hintergrund. Bei ihr in Nederland begann jeder Sonntag mit dem gleichen Ritual: Decke drüber, Eierbecher raus, Brötchen im Korb mit dem Leinentuch, und ein Radioapparat, der auf einem Sender mit viel zu viel Rauschen stand, weil sie sich weigerte, ihn neu einzustellen. Ich habe dieses Ritual übernommen, nicht bewusst, sondern weil ich irgendwann merkte, dass ich es genauso mache, ohne nachzudenken.
Das Geschirr macht den Unterschied
Ich benutze für dieses Frühstück nie unser Alltagsgeschirr. Es gibt bei mir ein Set mit kleinen Blumen, leicht angeschlagen an zwei Tassenrändern, das ich vor Jahren in drei verschiedenen Kisten auf einem Flohmarkt zusammengesucht habe – nicht als vollständiges Service, sondern Teller für Teller, Tasse für Tasse. Genau das macht für mich den Reiz aus: keine perfekte Symmetrie, sondern Geschirr, das erkennbar aus verschiedenen Haushalten stammt und trotzdem zusammenpasst, weil die Farbwelt stimmt. Mein Mann fand das anfangs chaotisch. Inzwischen deckt er selbst danach, welche Tasse zu wem gehört.
Eierbecher, Tischdecke und ein bisschen Übertreibung
Eierbecher sammle ich seit Jahren, mittlerweile stehen mindestens zwölf verschiedene im Schrank, keine zwei gleich. Manche mit Hühnermotiv, einer aus Zinn, einer, den ich fast weggeworfen hätte, weil der Fuß wackelte, bis ich merkte, dass ein bisschen Filz darunter das Problem löst. Die Tischdecke stärke ich noch von Hand, was meine Nachbarin für vollkommen übertrieben hält – 'Claudia, das bügelt doch keiner mehr', hat sie letztens gesagt. Vielleicht hat sie recht. Aber die Falten, die eine gestärkte Decke wirft, sehen einfach anders aus, fester, ordentlicher, fast wie auf alten Fotografien.
Das Radio darf ruhig rauschen
Ein altes Röhrenradio steht bei uns tatsächlich in der Küche, funktionstüchtig, mit einem Klang, der nie ganz klar ist. Genau das mag ich daran. Musik vom Handy klingt zu sauber für diesen Tisch, zu neutral. Das Rauschen gehört für mich zum Sonntag dazu, so wie der Duft von aufgebrühtem Kaffee und frischen Brötchen. Elena, meine Freundin, die Malerin, hat einmal gesagt, dieser Tisch sei das einzige Bild, das sie noch nie gemalt hat, weil ihm etwas Bewegtes fehle, das man auf Leinwand nicht festhalten kann.



