Ob sich die Reparatur einer alten Küchenuhr lohnt, entscheidet das Werk, nicht das Gehäuse. Ein mechanisches Federzugwerk mit fehlenden Teilen kostet beim Uhrmacher schnell mehr als die Uhr wert ist; ein Quarzwerk kostet wenige Euro. Wer den Wert erhalten will, hebt das alte Werk auf, statt es wegzuwerfen.
Als meine Mutter vor ein paar Jahren aus ihrem Haus in Nederland auszog, blieb eine Kiste übrig, die niemand haben wollte. Ganz unten, eingewickelt in eine Küchenschürze, lag ihre alte Wanduhr. Das Uhrwerk hatte seit Jahren stillgestanden, das Glas war blind vom Fett, und mein Bruder meinte nur: 'Claudia, das ist Sperrmüll.' Ich habe die Uhr trotzdem eingepackt, den ganzen Weg nach Deutschland, auf dem Schoß im Auto, weil ich Angst hatte, sie würde im Kofferraum zerbrechen. Bis heute weiß ich nicht genau, warum. Vielleicht, weil ich als Kind stundenlang auf dieses Zifferblatt gestarrt habe, wenn das Essen zu lange dauerte.
Wer hat sie gebaut? Die Marke steht selten vorn
Bei Küchen- und Wanduhren steht der Hersteller fast nie groß auf dem Zifferblatt, sondern auf dem Werk. Ich nehme deshalb immer die Rückwand ab und suche drei Dinge: einen Firmenstempel, eine Kalibernummer und manchmal eine eingeschlagene Jahreszahl.
Die großen deutschen Namen sind Junghans aus Schramberg, Kienzle aus Schwenningen und – für ältere Stücke – Gustav Becker, dessen Werke einen Anker im Stempel tragen. Findet sich gar kein Stempel, ist das kein schlechtes Zeichen: Viele Gehäusehersteller kauften Rohwerke zu. Dann sagt die Bauart mehr als der Name. Ein Federzugwerk mit zwei Aufzugslöchern hat ein Schlagwerk, eines mit einem Loch nicht; ein Pendel unter Glas deutet auf ein Regulatorgehäuse, ein Elektrowerk mit Netzkabel auf die Zeit ab etwa den fünfziger Jahren.
Für die Küche wurden ab den fünfziger Jahren eigene Modelle gebaut, oft mit Kunststoff- oder Resopalfront in Pastelltönen und manchmal mit integriertem Kurzzeitmesser. Die sind heute gesuchter als große Regulatoren, weil sie in kleine Wohnungen passen.
Das Uhrwerk, das nicht mehr wollte
Ein Uhrmacher in der Nachbarstadt hat mir gleich gesagt, dass sich die Reparatur des alten mechanischen Werks kaum lohnt – zu viele fehlende Teile, zu viel Rost an den Zahnrädern. Also habe ich mich für ein neues Quarzwerk entschieden, für ein paar Euro im Bastelladen, mit exakt der gleichen Wellenlänge wie das alte. Das Ausbauen war fummelig: kleine Schrauben, ein Zeiger, der beim ersten Versuch abbrach, und sehr viel Fluchen auf Niederländisch, das mein Mann zum Glück nicht versteht.
Danach lief die Uhr wieder, leise tickend, ohne das Pendel, das früher jede Stunde einmal aussetzte. Ehrlich gesagt vermisse ich dieses Aussetzen manchmal.
Wann sich eine Reparatur rechnet
Der Uhrmacher hat mir eine Faustregel mitgegeben, die ich seitdem benutze. Reinigen und Ölen eines vollständigen Werks lohnt fast immer. Ersetzen einzelner Zahnräder oder einer Unruh lohnt nur bei einem signierten Werk mit Sammlerwert. Rost an den Zapfen und den Lagerlöchern ist das Ausschlusskriterium, weil dann die ganze Platine überarbeitet werden muss.
Ich habe mich deshalb für ein Quarzwerk entschieden und das alte Werk behalten – vollständig, beschriftet, in einer Schachtel im Schrank. Das ist der Punkt, an dem sich Sammler und Nutzer unterscheiden: Wer ein Werk wegwirft, macht die Uhr unwiderruflich zu einem Gehäuse. Wer es aufhebt, kann den Eingriff jederzeit rückgängig machen. Beim Umbau ist außerdem auf die Zeigerwelle zu achten; moderne Quarzwerke haben dünnere Wellen, und die alten Zeiger sitzen dann lose. Ein Stück Messingröhrchen als Hülse löst das.
Das Zifferblatt
Warum ich es gelassen habe
Was ich nicht angerührt habe, ist das Zifferblatt selbst. Die Vergilbung, die kleinen Wasserflecken, die verblasste Schrift eines Herstellers, den es längst nicht mehr gibt – all das wollte ich behalten. Meine Freundin Elena Vittori, die Malerin, hat mich einmal gefragt, ob ich es nicht 'auffrischen' will, mit ein bisschen weißer Farbe. Ich habe entschieden Nein gesagt. Eine Küchenuhr, die aussieht wie neu gekauft, erzählt keine Geschichte mehr. Genau das ist doch der Punkt bei diesen alten Stücken: nicht perfekt, sondern echt. Ein glänzendes Zifferblatt würde mich jeden Morgen daran erinnern, dass ich etwas Vertrautes wegpoliert habe, statt es zu bewahren.
Das Zifferblatt: reinigen oder in Ruhe lassen
Zifferblätter sind das Empfindlichste an einer alten Uhr, und die meisten Schäden entstehen beim Putzen. Papierzifferblätter – bei Küchenuhren häufig – vertragen keinerlei Feuchtigkeit: schon ein nebelfeuchtes Tuch löst den Druck an. Emaillierte Blätter sind unempfindlich, aber ihre Haarrisse ziehen Schmutz und lassen sich nicht sauber bekommen. Lackierte Blechblätter liegen dazwischen.
Meine Reihenfolge: erst trocken mit einem weichen Pinsel entstauben, dann prüfen, ob überhaupt noch etwas stört. Meistens nicht. Die gelbliche Tönung ist keine Verschmutzung, sondern gealterter Klarlack oder gealtertes Papier – wer sie wegbleicht, nimmt der Uhr ihr Alter. Ein blindes Uhrglas dagegen darf gereinigt werden; altes Flachglas poliert man vorsichtig mit Zahnpasta, Kunststoffgläser nur mit Kunststoffpolitur, weil sie sonst matt werden.
Dampf, Fett und der falsche Platz
Eine Küchenuhr steht an dem ungünstigsten Ort, den man einer Uhr zumuten kann. Über dem Herd steigt heiße, fetthaltige Luft auf; sie schlägt sich auf dem Uhrglas nieder und zieht durch jede Ritze ins Gehäuse. Mechanische Werke verharzen dadurch schneller, weil das Öl Fett aufnimmt, und Papierzifferblätter wellen sich.
Bei mir hängt die Uhr deshalb nicht direkt über der Kochstelle, sondern seitlich versetzt, außerhalb des Dampfstroms, aber noch im Blickfeld. Wer keine Alternative hat, kann viel mit einer dichten Rückwand erreichen: ein zugeschnittenes Stück Karton oder dünnes Sperrholz, mit Filz abgedichtet, hält den größten Teil der Küchenluft draußen. Und einmal im Jahr das Glas abnehmen und trocken auswischen – nass wischen darf man nur das Glas, nie das Blatt.
Der richtige Platz über dem Herd
Über dem Herd hängt bei mir seit jeher etwas, das die Zeit im Blick behält – meine Mutter hatte das genauso. Praktisch ist es tatsächlich: Wenn die Kartoffeln kochen, muss ich nicht erst zum Handy greifen. Wichtig ist nur, dass die Uhr nicht direkt im Dampfstrahl hängt, sonst zieht das Zifferblatt wieder Feuchtigkeit, und man fängt bei null an. Ich habe meine gut 30 cm seitlich versetzt montiert, auf Augenhöhe beim Stehen am Herd, nicht zu hoch, wie es in manchen Küchen aus reiner Deko-Absicht gemacht wird. Eine Uhr, die man nicht ablesen kann, ohne den Kopf in den Nacken zu legen, hat ihren Sinn verfehlt.



