Ein sicheres Echtheitsmerkmal für Murano gibt es nicht, aber es gibt Indizien: eine unbearbeitete Pontilmarke am Boden, unregelmäßige Wandstärken und – bei Stücken seit 1994 – das Herkunftszeichen Vetro Artistico Murano. Ein aufgeklebtes Papieretikett allein beweist nichts.
In Venedig, auf einer Reise mit Elena, standen wir vor einem kleinen Laden auf Murano und starrten beide auf dieselbe Vase, bauchig, mit eingeschmolzenen Blasen und einem Farbverlauf von Türkis zu Klar. Elena, mit ihrem Malerauge, sah sofort die Unregelmäßigkeiten, die ein Stück erst lebendig machen. Ich kaufte die Vase, trug sie im Handgepäck nach Hause wie ein rohes Ei, und seitdem steht sie auf meiner Fensterbank, wo das Nachmittagslicht durch sie hindurchscheint. Seit diesem Tag schaue ich mir Glas anders an, nicht nur auf die Form, sondern darauf, wie es sich anfühlt und wie es Licht durchlässt, fast wie ein kleines, stilles Fenster für sich.
Der Boden verrät am meisten
Ich drehe jedes Glasstück zuerst um, und zwar aus einem bestimmten Grund: Beim Freihandblasen wird das Werkstück mit dem Hefteisen – dem Pontil – aufgenommen, um den Rand zu bearbeiten. Beim Abtrennen bleibt ein rauer Abriss zurück, die Pontilmarke.
Bei hochwertigen Stücken wird sie ausgeschliffen und poliert, sodass eine runde, matte oder glänzende Vertiefung bleibt. Bei einfacherer Ware bleibt sie rau stehen. Ein maschinell gepresstes oder geblasenes Glas hat keine Pontilmarke, sondern einen glatten, oft leicht gewölbten Boden und manchmal eine umlaufende Formnaht.
Das ist der zuverlässigste Hinweis auf Handarbeit – aber Handarbeit ist nicht dasselbe wie Murano. Auch in Böhmen, in China und in der Türkei wird von Hand geblasen. Die Pontilmarke schließt also Maschinenware aus, mehr nicht.
Woran ich echtes Murano-Glas erkenne
Echtes Murano-Glas zeigt fast immer kleine Unregelmäßigkeiten, winzige Luftblasen, leicht unterschiedliche Wandstärken, einen Boden, der nie ganz perfekt eben ist. Maschinell hergestelltes Glas wirkt dagegen zu gleichmäßig, fast steril, ohne diese kleinen Abweichungen, die beim Mundblasen entstehen. Ich fasse ein Stück auch gerne an der Kante an, echtes mundgeblasenes Glas fühlt sich oft minimal wellig an, statt völlig glatt. Ein Echtheitszertifikat oder ein kleiner Aufkleber hilft zusätzlich, ist aber kein Garant, denn Aufkleber lassen sich leicht entfernen und wieder anbringen. Am meisten vertraue ich inzwischen meinen Augen und Elenas geschultem Blick, wenn sie dabei ist.
Etiketten, Signaturen und das Zeichen von 1994
Papieretiketten sind das schwächste Indiz überhaupt, weil sie in großen Mengen nachgedruckt werden. Ein Etikett mit der Aufschrift „Murano Glass, Made in Italy“ an einem sonst unauffälligen Stück sagt mir gar nichts.
Etwas anderes ist das Herkunftszeichen Vetro Artistico Murano, das die Region Venetien 1994 eingeführt hat. Es wird nur an eingetragene Werkstätten auf der Insel vergeben und trägt eine Registriernummer. Für alles vor 1994 gibt es dieses Zeichen nicht – und ein Stück von 1960 mit diesem Zeichen wäre bemerkenswert.
Signaturen sind bei den bekannten Häusern ein starkes Merkmal: geritzte oder mit Säure geätzte Namen am Boden, oft mit Modellnummer. Sie sind aber auch das, was am häufigsten gefälscht wird. Ich behandle eine Signatur deshalb als eines von mehreren Indizien, nie als Beweis.
Licht und die Fensterbank als Bühne
Eine Fensterbank ist für farbiges Glas fast immer der beste Platz im Haus, weil das Licht direkt hindurchwandert und die Farbverläufe erst richtig zum Leben erweckt. Ich stelle meine Murano-Vase bewusst dort, wo die Nachmittagssonne einfällt, nicht die grelle Mittagssonne, sondern das weichere, tiefer stehende Licht. Mehrere Glasstücke nebeneinander verstärken den Effekt, weil sich Farben und Reflexionen gegenseitig aufnehmen, allerdings nur, wenn genug Abstand bleibt, damit jedes Stück noch für sich wirken kann. Wer den Stil mag, aber kein Vermögen ausgeben will, findet Nachbauten im Handel, etwa eine Murano-Stil-Glasvase gesehen, deren Form genau diese Lichtwirkung aufgreift, mit einem ähnlichen Farbverlauf wie meine eigene.
Die Techniken, an denen man Murano tatsächlich festmacht
Was sich schwerer nachmachen lässt als ein Etikett, ist das Können. Vier Techniken sind typisch und in der Ausführung ziemlich verräterisch.
Sommerso – ein farbiger Kern in einer klaren Glashülle – zeigt bei guter Arbeit einen sauberen, blasenfreien Übergang zwischen den Schichten. Millefiori sind eingeschmolzene Glasstäbchen im Querschnitt; bei guter Ware sind die Muster gleichmäßig und die Zwischenräume vollständig geschlossen. Filigrana ist eingelegtes weißes Fadenglas, das gleichmäßig laufen muss. Und Avventurina enthält winzige Kupferkristalle, die im Licht funkeln – ein Material, das schwierig herzustellen ist und in billiger Ware praktisch nicht vorkommt.
Auf der Vase auf dem Foto sieht man Millefiori-Einschlüsse in einem blauen Korpus. Woran ich bei so einem Stück zuerst schaue: ob die Stäbchenmuster verzogen sind – ein bisschen Verzug gehört dazu, starker Verzug bedeutet, dass die Temperatur nicht gehalten wurde.
Was Glas im Licht wirklich passiert
Über Buntglas auf der Fensterbank wird viel Falsches geschrieben, deshalb hier, was ich belegen kann. Glas selbst bleicht nicht aus – es ist chemisch stabil. Was sich verändern kann, sind bestimmte Färbungen: Gläser, die mit Mangan entfärbt wurden, was bis ins frühe 20. Jahrhundert üblich war, nehmen unter UV-Licht über Jahre einen violetten Ton an. Das ist ein bekanntes Phänomen bei altem amerikanischem und europäischem Pressglas.
Das eigentliche Risiko auf der Fensterbank ist ein anderes: Temperaturunterschiede. Ein Glas, das vormittags in der Sonne steht und abends im Zug eines gekippten Fensters, macht täglich einen Wechsel mit. Bei dickwandigem Glas mit Spannungen im Material – und handgefertigtes Glas hat solche Spannungen – kann daraus ein Riss werden. Meine Schale ist genau so gesprungen, an einem heißen Tag, ohne dass jemand sie berührt hätte.
Vorsicht bei Reinigung und Aufstellung
Buntglas reinige ich nur mit lauwarmem Wasser und einem weichen Tuch, nie mit scharfen Mitteln, die die Oberfläche stumpf machen könnten. Direkte, pralle Sonne über Stunden vermeide ich inzwischen, nachdem eine ältere Glasschale von mir nach einem heißen Sommer feine Spannungsrisse zeigte, vermutlich durch die Kombination aus Hitze und schnellem Abkühlen abends. Beim Aufstellen achte ich außerdem auf einen stabilen Untergrund ohne Erschütterungen, eine Fensterbank, auf der oft die Balkontür schlägt, ist weniger geeignet als ein ruhiger Sims. Diese kleinen Vorsichtsmaßnahmen haben mir schon mehr als ein Stück gerettet, das sonst wahrscheinlich zerbrochen wäre.



