Meine Nachbarin Ingrid hat einmal gesagt, Porzellan gehöre in eine Vitrine und nirgendwo sonst, sicher hinter Glas. Ich widerspreche ihr bis heute. Auf meinem Frühstückstisch steht seit Jahren eine angeschlagene Steingutkanne, die ich fast jeden Morgen benutze, mit einem Sprung, der beim Eingießen leise knackt. Genau das macht für mich den Unterschied zwischen einem Museum und einem Zuhause.
Marken erkennen: der Blick unter den Teller
Bevor ich ein Stück kaufe, drehe ich es fast automatisch um und suche nach der Marke am Boden. Meissener Schwerter, Delfter Initialen, KPM-Zepter - man muss die großen Zeichen nicht auswendig können, aber ein gestempeltes oder eingeritztes Zeichen zeigt meist schon, dass jemand sich Mühe gegeben hat. Bei reinem Steingut ohne Marke schaue ich stattdessen auf das Gewicht und den Klang beim vorsichtigen Anklopfen mit dem Fingerknöchel.
Ein hoher, heller Ton spricht für echtes Porzellan, ein dumpferer für Steingut oder Fayence. Das ist keine exakte Wissenschaft, eher ein Gefühl, das sich mit jedem Flohmarktbesuch schärft. Elena nennt das mein Klopf-Ritual und findet es albern, macht es inzwischen aber selbst.
Risse, Chips und die Frage, ob man sie liebt oder verkauft
Nicht jeder Riss ist ein Makel. Ein Haarriss in der Glasur, der sogenannte Craquelé-Effekt bei manchem Steingut, ist sogar gewollt und Teil der Optik. Anders sieht es bei einem echten Sprung im Material aus, der Wasser durchlässt oder das Stück beim Erhitzen gefährdet. Solche Teller landen bei mir als Dekoration an der Wand, nie mehr auf dem Tisch.
Einen Kaffeebecher mit Chip am Rand benutze ich dagegen weiter, solange die scharfe Kante wegpoliert ist. Ich hatte einmal eine böse Überraschung, als ich eine angeschlagene Teetasse nicht genau genug geprüft hatte und mir die Lippe daran aufriss - seitdem prüfe ich jeden Rand mit dem Finger, bevor ich trinke.
Alltagsnutzung statt Vitrine
Ich benutze fast mein gesamtes altes Geschirr, auch die Stücke mit Wert. Ein Meissener Teller, der nur in der Vitrine steht, erzählt für mich keine Geschichte, er wird zum Museumsobjekt in der eigenen Wohnung. Neulich habe ich in einem Online-Shop eine Porzellan Cornucopia Vase mit Bronzemontur gesehen, die genau diese Haltung widerspiegelt - aufwendig gearbeitet, aber klar für den täglichen Blumenstrauß gedacht, nicht nur für den Sonntag.
Natürlich gibt es Grenzen: ein Sammlerstück aus dem achtzehnten Jahrhundert würde ich nicht für Kartoffelsalat verwenden. Aber die meisten Stücke, die ich finde, sind aus einer Zeit, in der Porzellan tatsächlich für den Alltag gemacht wurde, nicht fürs Regal.
Reinigung ohne Reue
Altes Porzellan und Steingut wasche ich von Hand, mit lauwarmem Wasser und ohne Spülmaschine, weil Temperaturschwankungen Glasuren sprengen können. Vergoldete Ränder vertragen keine scheuernden Schwämme, das habe ich einmal an einer Kaffeekanne meiner Oma schmerzhaft gelernt, als ein Teil der Goldlinie einfach verschwand.
Kalkflecken entferne ich mit verdünntem Essigwasser, nie mit aggressiven Entkalkern, die die Glasur matt werden lassen können. Bei stark vergilbtem Weiß hilft manchmal ein Tag in leicht chloriertem Wasser, aber nur bei Steingut ohne Golddekor - bei allem anderen lasse ich lieber die Finger davon.



