Porzellan und Steingut lassen sich am Standring in Sekunden trennen: Porzellan ist dicht, weiß und lässt am dünnen Rand Licht durch; Steingut ist porös und saugt einen Wassertropfen auf. Das ist keine akademische Frage – es entscheidet, was in die Spülmaschine darf und was Säure verträgt.
Meine Nachbarin Ingrid hat einmal gesagt, Porzellan gehöre in eine Vitrine und nirgendwo sonst, sicher hinter Glas. Ich widerspreche ihr bis heute. Auf meinem Frühstückstisch steht seit Jahren eine angeschlagene Steingutkanne, die ich fast jeden Morgen benutze, mit einem Sprung, der beim Eingießen leise knackt. Genau das macht für mich den Unterschied zwischen einem Museum und einem Zuhause.
Die drei Prüfungen, die reichen
Am unglasierten Standring sieht man alles, was man wissen muss – und dort ist jedes Stück unglasiert, weil es sonst im Brennofen festgebacken wäre.
Der Lichttest: Ein dünner Tellerrand vor eine Lampe gehalten. Porzellan ist transluzent, also lichtdurchlässig; man sieht die Umrisse der eigenen Finger dahinter. Steingut und Steinzeug sind es nicht.
Der Wassertropfen: Ein Tropfen auf den Standring. Zieht er in Sekunden ein, ist der Scherben porös – Steingut. Bleibt er stehen, ist er dicht gesintert – Steinzeug oder Porzellan.
Die Klangprobe: Auf dem Handrücken balancieren und mit dem Fingernagel anschlagen. Porzellan klingt hell und lange nach, Steingut kurz und dumpf. Klingt ein Stück, das eigentlich Porzellan ist, dumpf, hat es fast sicher einen Sprung – auch wenn man ihn nicht sieht. Diese Prüfung ist der Grund, warum erfahrene Käufer jeden Teller einmal anschlagen.
Risse, Chips und die Frage, ob man sie liebt oder verkauft
Nicht jeder Riss ist ein Makel. Ein Haarriss in der Glasur, der sogenannte Craquelé-Effekt bei manchem Steingut, ist sogar gewollt und Teil der Optik. Anders sieht es bei einem echten Sprung im Material aus, der Wasser durchlässt oder das Stück beim Erhitzen gefährdet. Solche Teller landen bei mir als Dekoration an der Wand, nie mehr auf dem Tisch.
Einen Kaffeebecher mit Chip am Rand benutze ich dagegen weiter, solange die scharfe Kante wegpoliert ist. Ich hatte einmal eine böse Überraschung, als ich eine angeschlagene Teetasse nicht genau genug geprüft hatte und mir die Lippe daran aufriss - seitdem prüfe ich jeden Rand mit dem Finger, bevor ich trinke.
Bodenmarken lesen, ohne sie auswendig zu können
Man muss keine Markenkunde beherrschen, um viel aus einem Bodenstempel zu lesen. Vier Beobachtungen genügen für eine grobe Einordnung.
Wie ist die Marke aufgebracht? Unterglasurmarken – unter der Glasur, fühlbar glatt – sind typisch für höherwertige Ware. Aufglasurmarken lassen sich mit dem Fingernagel ertasten und reiben sich mit den Jahren ab. Eingeritzte oder eingeprägte Zeichen sind oft Formernummern, keine Herstellermarken.
Steht ein Ländername dabei? Die Angabe des Herkunftslandes in englischer Sprache – „Germany“, „Made in Germany“ – hängt mit Ausfuhrbestimmungen zusammen und ist ein Hinweis auf das 20. Jahrhundert. „Bavaria“ ohne Herstellernamen ist eine Regionalangabe, kein Qualitätsmerkmal.
Und schließlich: Passt die Marke zum Scherben? Eine berühmte Marke unter einem porösen, groben Steingutscherben ist ein Warnsignal. Marken werden nachgeahmt, Scherben nicht.
Marken erkennen: der Blick unter den Teller
Bevor ich ein Stück kaufe, drehe ich es fast automatisch um und suche nach der Marke am Boden. Meissener Schwerter, Delfter Initialen, KPM-Zepter - man muss die großen Zeichen nicht auswendig können, aber ein gestempeltes oder eingeritztes Zeichen zeigt meist schon, dass jemand sich Mühe gegeben hat. Bei reinem Steingut ohne Marke schaue ich stattdessen auf das Gewicht und den Klang beim vorsichtigen Anklopfen mit dem Fingerknöchel.
Ein hoher, heller Ton spricht für echtes Porzellan, ein dumpferer für Steingut oder Fayence. Das ist keine exakte Wissenschaft, eher ein Gefühl, das sich mit jedem Flohmarktbesuch schärft. Elena nennt das mein Klopf-Ritual und findet es albern, macht es inzwischen aber selbst.
Alltagsnutzung statt Vitrine
Ich benutze fast mein gesamtes altes Geschirr, auch die Stücke mit Wert. Ein Meissener Teller, der nur in der Vitrine steht, erzählt für mich keine Geschichte, er wird zum Museumsobjekt in der eigenen Wohnung. Eine Porzellanvase mit Bronzemontur, die mir kürzlich begegnete, zeigt genau diese Haltung widerspiegelt - aufwendig gearbeitet, aber klar für den täglichen Blumenstrauß gedacht, nicht nur für den Sonntag.
Natürlich gibt es Grenzen: ein Sammlerstück aus dem achtzehnten Jahrhundert würde ich nicht für Kartoffelsalat verwenden. Aber die meisten Stücke, die ich finde, sind aus einer Zeit, in der Porzellan tatsächlich für den Alltag gemacht wurde, nicht fürs Regal.
Reinigung ohne Reue
Altes Porzellan und Steingut wasche ich von Hand, mit lauwarmem Wasser und ohne Spülmaschine, weil Temperaturschwankungen Glasuren sprengen können. Vergoldete Ränder vertragen keine scheuernden Schwämme, das habe ich einmal an einer Kaffeekanne meiner Oma schmerzhaft gelernt, als ein Teil der Goldlinie einfach verschwand.
Kalkflecken entferne ich mit verdünntem Essigwasser, nie mit aggressiven Entkalkern, die die Glasur matt werden lassen können. Bei stark vergilbtem Weiß hilft manchmal ein Tag in leicht chloriertem Wasser, aber nur bei Steingut ohne Golddekor - bei allem anderen lasse ich lieber die Finger davon.
Aufbewahren, ohne Schaden anzurichten
Die meisten Schäden an altem Geschirr entstehen nicht beim Benutzen, sondern beim Stapeln. Teller, die direkt aufeinanderliegen, reiben sich am Standring; nach Jahren sieht man auf der Oberseite jedes Tellers einen kreisrunden Schleifring, und bei Aufglasurdekor ist dann die Farbe weg.
Ein Stück Filz, Papier oder ein Kaffeefilter zwischen den Tellern verhindert das für praktisch nichts. Tassen hängt man besser, als sie ineinanderzustellen – der Henkel ist die schwächste Stelle, und ineinandergestellte Tassen klemmen sich fest. Und Deckel gehören nicht aufgesetzt gelagert, sondern daneben, weil sie sonst bei jeder Erschütterung gegen den Rand schlagen.
Ein letzter Punkt zum Umzug: Alte Kartons und Zeitungspapier sind schlechter als ihr Ruf. Druckerschwärze färbt auf porösem Steingut und auf unglasierten Standringen ab, und dieser Grauschleier geht nur mühsam wieder heraus. Seidenpapier oder Küchenpapier kosten wenig und machen das nicht.
Blei und Cadmium in alten Glasuren
Es gibt eine Grenze, an der Sammeln und Gesundheit sich berühren. Farbige Glasuren aus der Zeit vor den heutigen Grenzwerten konnten Blei- und Cadmiumverbindungen enthalten; bei intakter Glasur bleiben sie eingeschlossen, bei Haarrissen und Abplatzungen nicht unbedingt. Kritisch sind vor allem saure Speisen und Getränke sowie längerer Kontakt.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät bei Keramik unbekannter Herkunft und sichtbar beschädigter Glasur zur Zurückhaltung. Ich halte es daran: Weiße und einfarbige Ware mit geschlossener Glasur benutze ich ohne Bedenken. Kräftig bemalte Innenflächen, besonders in Rot, Orange und Gelb, benutze ich für Trockenes oder gar nicht. Und nichts mit Craquelé lasse ich über Nacht mit Essig oder Zitrone stehen.
Für Sammelstücke ohne Gebrauch ist das alles ohne Belang – ein Teller an der Wand gibt nichts ab.



